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Krümel machen auch Brot

08.01.2011

Er ist gut drei Jahre im Amt und damit schon ein altgedienter Landrat im Süden Brandenburgs. Stephan Loge, der Verwaltungschef von Dahme-Spreewald, war am Freitagabend Gastgeber des Neujahrsempfanges in Niewitz für mehr als 200 Gäste und arbeitet im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftsboom BBI und Natur idyll Spreewald.

Dahme-Spreewald ist einer der dynamischsten Landkreise Deutschlands und hat dennoch eine Millionen-tiefes Haushaltsloch. Was läuft da schief?

Wir geben schlicht mehr aus, als wir einnehmen. Bislang ging das, da wir aus Rücklagen schöpfen konnten, die dank der guten wirtschaftlichen Entwicklung gebildet werden konnten. Allerdings hat der Landkreis außer den Zuweisungen vom Land und der Kreisumlage von den Kommunen keine weiteren Einnahmen, selbst die Jagdsteuer ist weggefallen. Und jetzt kommen geringere Überweisungen und sinkende Kreisumlage zusammen. Für 2012 brauchen auch wir ein Haushaltssicherungskonzept.

Das heißt: sparen.

Verantwortlich mit Geld umgehen müssen wir immer. Wir wollen dabei beispielsweise das Sozialpaket von gut sieben Millionen Euro nicht antasten, obwohl es uns das größte Defizit einbringt. Die Kosten im Sozialbereich expandieren. Da dürfen wir nichts schönreden. Wir brauchen also Selbstkontrolle und wollen schauen, dass die Personalkosten stabil bleiben.

In Schönefeld entsteht der Flughafen, in Lübben wird die Polizeiwache in Frage gestellt. In Wildau wächst das Zentrum für Luft- und Raumfahrt, in Luckau-Duben reicht es zu einem Solarpark. Wird das Nord-Süd-Gefälle steiler?

Wir sollten der Wahrheit offensiv gegenüberstehen. Im Süden ist ein Bevölkerungsverlust von 14 Prozent vorausgesagt. Gleichzeitig haben wir einen Funktionsaustausch. Die Wirtschaftskraft im Norden, im Süden dafür die drei Kliniken in Lübben, die Lebensmittelproduktion in Golßen, die Naherholung im Spreewald und eine intakte Infrastruktur. Sicher wollen alle Gemeinden lieber Gewerbesteuer als die Anteile an der Lohnsteuer kassieren, aber Krümel machen auch Brot. Golßen hat die niedrigste Arbeitslosigkeit im Kreis.

Es gibt, auch aus SPD-Kreisen, erste Modelle für eine neue Kreisgebietsreform. Da ist der stolze Schwan LDS, und im Gefolge hat er drei mehr oder minder hübsche Entlein aus dem Süden und Westen.

Ich teile das nicht vorbehaltlos. Zunächst einmal setzte ich auf Freiwilligkeit, selbst wenn diese durch einen Pro-Kopf-Bonus von 100 Euro befördert wird. Wir werden erleben, wie das in diesem Jahr mit Luckau und Heideblick ausgeht. Was wir nicht brauchen, sind Großkreise oder eine Art Landesdirektionen, denn dann geben wir Gestaltungsmöglichkeiten auf und verlieren die Nähe zu den Bürgern. Wir dürfen das nicht nur rein rechnerisch betrachten. In Cottbus und Spree-Neiße werden jetzt Strukturen diskutiert, die wir hier schon haben, beispielsweise mit der gemeinsamen Adoptionsstelle oder der Abwicklung von Rückübertragungsansprüchen. Das ist der springende Punkt.

2010 war das Jahr des Wassers. Was müssen wir daraus lernen?

Durch den Spremberger Stausee war das Hochwasser für den Spreewald noch kalkulierbar, wenn auch eine anspruchsvolle Aufgabe. Der Starkregen hat uns dann vor allem im Dahmeland große Sorgen bereitet. Ich habe Luftbilder-Vergleiche gesehen, und die zeigen deutlich, die Flüsse holen sich ihr Bett zurück. Wir werden eine Analyse der Spreewälder Pumpwerke machen, aber keine Lösung für alle oder eine Melioration wie in den 1970er- oder 1980er Jahren haben. Die Landwirte brauchen Unterstützung, keine Frage, aber das kann der Kreis zumindest finanziell nicht leisten.

Mit dem Wasserreich Spree und der Internationalen Naturausstellung Lieberose gibt es für den Süden zwei ambitionierten Vorhaben, oder sollte man doch sagen: Millionen-Träume?

Nur mit Windrädern und Solarparks ist die Heide nicht zu sanieren. Wir wollen dort ein Radwegenetz entwickeln, meist auf der Trasse der Spreewaldbahn, dann den Aussichtsturm bauen und dann mal sehen, was wie angenommen wird. Entwickelt sich im Schloss Lieberose etwas? Gelingt die Verknüpfung zum Spreewald? Da kann es nicht immer nur um die 60 oder 70 Millionen Euro gehen. Wenn wir die Radwegenetze der Heide und der Städte und Gemeinden gut abstimmen, ergeben sich schon dort verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten.

Und das Wasserreich in Lübben?

Der Kreis hat seine Hausaufgaben gemacht. Für die 1,5 Millionen Euro Zuschuss haben wir den Hintern in der Hose, für mehr Geld brauchen wir den Konsens der Kommunen. Angesichts dieser Investition muss ich aber sagen: Ein Engagement des Kreises bei der Umgehungsstraße wird nicht möglich sein. Als Lübbener Bürger finde ich den künftigen Wasserwanderstützpunkt ganz toll.

Beim Neujahrsempfang des Kreises am Freitagabend in Niewitz sprach neben Ihnen und der Kreistagschefin Uta Tölpe auch der Wolsztyner Landrat Ryszard Kurp, aber weder ein Landesvater noch eine Fördermittel-Mutter.

Das ist Tradition und hat was mit der freundschaftlichen Verbundenheit unserer Landkreise und dem schon von Martin Wille aufgebauten guten persönlichen Verhältnis zu tun. Mittlerweile passiert in der Partnerschaft so viel, was wir als Verwaltung nicht mitbekommen, weil es über den Jugendsport, die Feuerwehr oder die Seniorenbeiräte läuft. Und wir haben Angebote für Praktika und Arbeit in Polen. So soll es sein. Das ist ein Bekenntnis zu Europa.

Und die Polen machen dann im Spreewald Urlaub.

Ins Tropical Islands kommen 20 Prozent der Gäste aus Polen. Nicht umsonst plädiere ich auch in der Energieregion für eine Bahnverbindung nach Wroclaw. Westpolen schaut auf den BBI, nicht nach Warschau. Da sollte der Tourismus offener werden. Das beginnt schon bei mehrsprachigen Speisekarten.

Also nicht nur in Englisch?

Man schaue sich die Autokennzeichen vor der Gaststätte oder Pension an. Da sind auch viel gelbe dabei. Friedrich der Große hat viele Strukturen in Holland abgeschaut und von dort auch die Gurke geholt und sie hier verfeinert. Der Spreewald ist und bleibt eine Säule der Entwicklung. Er ist als Ausgangspunkt ideal für einen Radius von 100 Kilometern. Da sind Berlin und Dresden, da ist Cottbus mit dem Theater, da sind das Seenland, das Dahme-Seengebiet.

Welche ist die Hauptstadt des Spreewaldes, Lübben oder Lübbenau?

Lübben, als Tor zum Unterspreewald, als Kreisstadt. Das ändert nichts an meiner großen Achtung vor der Entwicklung in Burg oder in Lübbenau.

Was hat Sie 2010 am tiefsten bewegt?

Der schwere Busunfall am Schönefelder Kreuz Ende September. Wir waren da alle emotional sehr drin in der Betreuung der Hinterbliebenen und Angehörigen, nicht nur wegen der formalen Zuständigkeit als Kreis. Aber auch die spontane Hilfe vieler Menschen nach diesem schrecklichen Unglück.

Wovor graut es Ihnen mit Blick auf 2011 am meisten?

Vor einer unrealistischen Bewertung in der Fluglärm-Diskussion und der Alternativen zu den Flugrouten, die es gibt. Und, auch wenn ich mir jetzt die Zunge verbrenne, vor dem Egoismus Einzelner. Kein BBI, das heißt, Verdoppelung der Arbeitslosigkeit.

Mit STEPHAN LOGE sprach Jan Gloßmann